ArchivKunstfoyer

Berlin zeichnet! Richter, Schleime, Sasportas, Meese...

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Berlin boomt. Die Metropole zieht spätestens seit dem Fall der Mauer viele künstlerische Kräfte auf sich. Zahlreiche Künstler, aber auch Galerien konzentrieren sich in den letzten Jahren in Berlin und auch die Museumsszene profitiert enorm von dem Aufschwung, den die Stadt genommen hat. Es sind große Namen, die Berlin immer wieder als Ort nobilitiert haben, aber vor allem die junge Szene trägt zu einer neuen Virulenz der Stadt bei und überwindet damit den immer noch beklagten Mangel an großen Sammlern und Mäzenen.

Die Ausstellung nimmt diese künstlerische Kraft zum Anlass, die unterschiedlichsten Positionen zu befragen und vorzustellen, wobei folgende Kriterien der Auswahl ausschlaggebend waren. Zum einen soll die Ausstellung ein breites Spektrum an Künstlern, aber auch an künstlerischen Stilen abdecken. Das bedeutet auch, dass dadurch eine Zeitspanne in den Blick genommen wurde, die nahezu 50 Jahre umfasst und somit Arbeiten aus den 1960er Jahren (mit aktuellen Überarbeitungen) ebenso zulässt wie frisch aus den Ateliers kommende Werke, deren Verfasser in den 1970er Jahren geboren wurden. Entscheidend war in erster Linie die Bedeutung, die ein Künstler oder eine Künstlerin bereits in der Stadt und in der Kunstszene Berlins gewonnen hat und somit ein gewisser Konsens mit den ausgewählten Künstlern, Sammlern und Galeristen über die Wertigkeit des OEuvres herrscht. Der Begriff „Zeichnung“ wird hier eher als Differenzierung zum malerischen OEuvre verstanden. Er rückt das Arbeiten auf Papier als ureigenstes Medium, in dem Künstler und Künstlerinnen sich bis heute unmittelbar ausdrücken, in den Fokus. „Zeichnung“ limitiert sich hier nicht auf den Grafit-Stift, auf Kohle oder Rötel, sondern meint im weitesten Sinne Arbeiten auf Papier.

Wie keine andere Kunstrichtung hat der „kritische Realismus“ in den 1970er Jahren die Berliner Kunstlandschaft geprägt, die in einer besonderen Kunsttradition stand. Ähnlich zum großen Vorbild George Grosz stellte der in der Ausstellung vertretene Wolfgang Petrick mit veristischer Präzision die ungeschönte Wirklichkeit der Großstadt als Brennpunkt sozialer Auseinandersetzungen dar. Anfang der 1980er Jahre waren es die „Jungen Wilden“, die erstmals mit ihrer expressiven Verve die neue Lebensstimmung zwischen Mauer und Aufbruch thematisierten. Wie junge Revolutionäre suchten sie eine ähnliche Freiheit, wie einst die Brücke-Künstler. Künstler wie Rainer Fetting zählten zu den Begründern dieser „Heftigen Malerei“, die gleichermaßen auch Anhänger in München fanden. Klassische Themen der figürlichen Kunst, die den menschlichen Körper in seiner ganzen Vielfältigkeit formulieren, zeigen zunächst die Werke von Daniel Richter und Marc Brandenburg oder auch die wie ein seismographisches Barometer entwickelte Serie über Papst Johannes Paul II. von Cornelia Schleime. Neben den figurativen Positionen treten auch einige abstrakte Sichtweisen auf, die sich auf Raum, Farbe, Licht und Struktur beziehen. Hier sind es ebenso die suggestiven Farbarbeiten von Bernd Koberling, die tastenden Erkundungen von Raum und Zeit bei Beate Terfloth und Jorinde Voigt, die Linienvirtuosität von Hanns Schimansky, oder die streng architektonisch rhythmisierten Werke von Frank Badur, die die Bandbreite akzentuieren. Spätestens mit dem Fall der Mauer kommen nach und nach neue Kräfte in Berlin hinzu, die sich entsprechend in einer pluralistischen Stilvielfalt wieder finden. Für diese neugewonnene Internationalität Berlins stehen beispielsweise Namen wie die Israeli YehuditSasportas, die Koreanerin SEO oder der Japaner Takehito Koganezawa. Die Konzeption der Ausstellung nimmt diese unterschiedlichen Positionen in den Blick, ohne disparat zu sein. Mit ihren 22 Künstlern ermöglicht sie Einblicke in eine aufregende Kunstszene der neuen (Kunst-)Hauptstadt Deutschlands.
(Autor: Dr. Alexander Tolnay)

Die Künstler

Dieter Goltzsche / Bernd Koberling / Wolfgang Petrick / Frank Badur / Rainer Fetting / Hanns Schimansky / Cornelia Schleime / Malte Spohr / Beate Terfloth / Jochen Stenschke / Daniel Richter / Frank Nitsche / Jörg Herold / Brigitte Waldach / Amelie von Wulffen / Marc Brandenburg / Yehudit Sasportas / Jonathan Meese / Takehito Koganezawa / Ralf Ziervogel / SEO / Jorinde Voigt

Katalog zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (128 Seiten) im Verlag Geuer & Breckner
mit Beiträgen von Dr. Alexander Tolnay, ehem. Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins und von Dr. Eugen Blume, Leiter der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Berlin.
ISBN 978-3-939452-04-1

Die Kuratoren

Dr. Alexander Tolnay, ehem. Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins und
Dr. Beate Reifenscheid, Direktorin des Ludwig Museums Koblenz