ArchivKunstfoyer

Magnum's First. Gesicht der Zeit 1955-1956. Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Erich Lessing, Werner Bischof, Inge Morath, Ernst Haas, Marc Riboud, Jean Marquis

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Sie waren Pioniere des Fotojournalismus. Sie waren Idealisten mit humanitärem Anspruch. Ihr Spürsinn für die weltpolitische Aktualität ist legendär: Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, David Seymour, George Rodger und Bill Vandivert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründeten sie die Fotoagentur Magnum zur Eigenverwertung ihrer Urheberrechte. Im Lauf der letzten sechzig Jahre haben Magnum-Fotografen einige der denkwürdigsten Aufnahmen gemacht und somit einen wesentlichen Beitrag zum Kulturgut Fotografie geleistet.

In den Anfangsjahren der Agentur gab es nur selten Ausstellungen von Magnum-Mitgliedern. Zu gegensätzlich war wohl ihr Anspruch als Fotojournalisten und Zeitzeugen des Weltgeschehens zu den elitären Schauräumen der Kunstavantgarde. Später aber hat die atemberaubende Resonanz einer einzelnen Fotoausstellung den Ausschlag gegeben, um die Magnumleute für die öffentliche Präsentation zu gewinnen: Am 26. Januar 1955 eröffnete Edward Steichen, seit 1947 Direktor der Fotoabteilung des MoMA, die Ausstellung „The Family of Man“. Mit rund 500 Exponaten aus 68 Ländern entwickelte sich die Mammutschau zur erfolgreichsten Ausstellung aller Zeiten. Bis 1959 hatte sie weltweit insgesamt fünf Millionen Besucher. Der beispiellose Erfolg zeigte, dass das internationale Publikum sehr an zeitgemäßen humanen Botschaften interessiert war und bereitete so den Weg für eine erste gemeinsame Ausstellungskonzeption dieser Fotografen: Unter dem Titel „Gesicht der Zeit“ gastierte die erste Magnum-Ausstellung von Juni 1955 bis Februar 1956 in insgesamt fünf österreichischen Städten, so u.a. im Institut FranVais in Innsbruck sowie im Joanneum in Graz. Im Rahmen einer Ausstellung konnten deutlich umfassendere Bildserien gezeigt werden, als in den internationalen Journalen wie Life, Paris Match und Vu abgedruckt wurden. Und vor allem diente die Ausstellung als Plattform, um neue Mitglieder vorzustellen und die Arbeit ihrer verstorbenen Mitglieder zu würdigen (Robert Capa wurde 1954 durch eine Landmine in Indochina getötet, Werner Bischof kam im gleichen Jahr bei einem Autounfall in den Anden ums Leben).

Eine Wiederaufführung dieser ersten Magnum-Ausstellung „Gesicht der Zeit“, die 2007, in unscheinbaren Holzkisten verpackt, im Keller des Institut FranVais in Innsbruck gefunden wurde, zeigt das Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern im Rahmen seiner Ausstellungsreihe zu bedeutenden Fotografen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung vereint insgesamt acht Reportagen und ist in ihrer ursprünglichen Form – montiert auf farbige Holzfaserplatten – erhalten. Im Zentrum der Ausstellung stehen 18 Schwarzweißaufnahmen über Mahatma Gandhi aus der vielleicht bedeutendsten Reportage von Henri Cartier-Bresson, die er im Februar 1948 in der amerikanischen Zeitschrift Life veröffentlichte: Von den letzten Stunden Gandhis bis zu seiner von Menschenmassen begleiteten Totenfeier am Ganges. Robert Capa, einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch sein Foto des tödlich getroffenen republikanischen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg bekannt, ist in der Ausstellung bewusst nicht mit einer Kriegsreportage vertreten. Sein „Dorffest in Biarritz“ verweist auf die Befriedung einer Region, die während des Spanischen Bürgerkriegs zum Synonym einer menschenverachtenden Barbarei geworden war. Inge Morath steuert eine zehnteilige Bilderfolge bei, die sie 1953 im Auftrag des Holiday Magazine in den Stadtteilen des wohlhabenden Londons –Soho und Mayfair– gemacht hatte. Den Blick hinter den „Eisernen Vorhang“ richten Jean Marquis mit seinen Bildern aus Ungarn 1954, die im selben Jahr im New York Times Magazine veröffentlicht wurden und Marc Riboud mit seinen Aufnahmen in Split und Dubrovnik, die mit dem Foto eines gemalten Tito-Porträts enden. Erich Lessing hingegen konzentriert sich auf Kinderszenen seiner Heimatstadt Wien, die im Belvederegarten, Rathauspark und am Prater entstanden waren. Ein besonderer Beitrag zum „Gesicht der Zeit“ sind die Fotos, die Ernst Haas am Filmset und in den Drehpausen für den monumentalen Hollywoodfilm „Land of the Pharaos“ machte – ein Spektakel der Superlative mit mehreren tausend Statisten in den Steinbrüchen von Assuan. Sie wurden im September 1954 in Life veröffentlicht. Präsentiert werden auch sieben Arbeiten von Werner Bischof, die keiner in sich abgeschlossenen Reportage entstammen. Der Fotograf hatte sie von seinen Weltreisen nach Peru, Indien, Japan und Kambodscha mitgebracht.

Der Ausstellungskatalog „Magnum's first“ zu den drei Ausstellungsstationen in der Galerie WestLicht in Wien, der Galerie Flo Peters in Hamburg und dem Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München ist 2008 beim Verlag Hatje Cantz in Ostfildern erschienen.

Katalog

MAGNUM´s first, Hatje Cantz Verlag Ostfildern, 2008

Kurator

Isabel Siben