ArchivKunstfoyer

Ostkreuz. Agentur der Fotografen. Die Stadt. Vom Werden und Vergehen

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Porträt einer Stadt, die alle Städte in sich vereint. 17 Fotoreportagen. Die Ausstellung, mit der die Agentur ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert, war vom 8. Mai bis 4. Juli 2010 bei C/O Berlin und wird ab 4. November im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München präsentiert. Ab 2011 reist sie mit dem Goethe-Institut um die Welt. Zu sehen sind rund 180 Aufnahmen in schwarz-weiß und Farbe. Katalog bei Hatje Cantz, 2010

OSTKREUZ wurde 1990 von sieben Fotografen in Berlin gegründet und gilt als eine der bedeutendsten Fotoagenturen Deutschlands. Heute zählt die Agentur achtzehn Mitglieder. Fast jeder von ihnen wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Fotografen arbeiten für renommierte Magazine, unter anderem für Newsweek, Stern, GEO, NEON oder New York Times Magazine.

Katalog-Vorwort von Marcus Jauer
„Es gab vor einiger Zeit einen Tag, an dem übertrat die Menschheit eine Grenze und hat es nicht einmal bemerkt. Nichts war danach anders geworden, und doch hatte sich etwas verändert. Es war der Tag, an dem von nun an mehr Menschen in der Stadt lebten als auf dem Land.
Die Geschichte dieses Tages reicht mehr als zehntausend Jahre zurück in die Zeit, als die erste Stadt gegründet wurde. Vielleicht lag diese Stadt in Kleinasien, vielleicht im Zweistromland, vielleicht in Indien. Ganz sicher war sie am Anfang nicht mehr als ein Punkt in der Landschaft. Ein Ort für Menschen, die mit ihrer Sehnsucht nach Wohlstand, Sicherheit und Freiheit nicht allein bleiben wollten. Sie suchten die Gemeinschaft, weil sie glaubten, dass sich diese Sehnsucht in einer Gemeinschaft besser erfüllen ließ. Das war die Idee. So hat es begonnen. Heute prägt die Stadt das Gesicht des Planeten und jedes seiner Kontinente. In Afrika wächst die Stadt am schnellsten, in Asien beherbergt sie die meisten Menschen, in Europa hat sie sich am weitesten ins Land hinaus gearbeitet. Inzwischen gibt es auf der Erde dreißig Städte, die mehr als zehn Millionen Einwohner haben und Megastädte genannt werden. Seit dem Jahr 2008 leben nun mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land, so sagt es der Bevölkerungsbericht der Vereinten Nationen. Aber damit geht die Geschichte dieses Tages nicht zu Ende. Es beginnt nur ein neues Kapitel.
Die Stadt ist schon lange mehr als nur ein Punkt in der Landschaft. Sie birgt die Zukunft der Welt. Sie ist der Ort, an dem das Schicksal der Menschheit verhandelt wird. Was der Stadt geschieht, das geschieht auch uns. In der Stadt stößt aufeinander, was sich auf dem Land aus dem Weg gehen konnte oder nie begegnet wäre. Sie versammelt größte Armut und ist doch oft die einzige Chance, ihr zu entfliehen. Sie zeigt, welche Macht Planung entwickeln und wie sich diese in Ohnmacht verlieren kann. Sie gibt allen das Gefühl, einem Ganzen anzugehören und hält doch jedem vor, dass ihre Teile nichts miteinander zu tun haben. Sie bietet Nähe und schafft Anonymität. Sie ist alles und sein Gegenteil, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort. Es ist an der Zeit, sich ein Bild von dieser Stadt zu machen, die überall sein könnte, aber auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Es ist an der Zeit, die Merkmale zu bestimmen, in denen sie sich offenbart, die Kräfte zu erkennen, die aus ihr wirken, und die neuen Kapitel zu beschreiben, die in ihr aufscheinen. Das ist die Aufgabe, der sich die Fotografen der Agentur OSTKREUZ gestellt haben.

Aus der ganzen Welt haben sie Bilder vom Werden und Vergehen dieser Stadt zusammengetragen. Sie zeigen, wie sie als Ordos in China inmitten der Steppe entsteht und als Prypjat in der Ukraine von der Natur zurückgeholt wird. Wie sie als Lagos in Nigeria unkontrollierbar ineinander verwächst, sich in den Slums von Manila zu Klumpen ballt und als Detroit in den USA aus der Mitte heraus zerfällt. Wie sie als Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten über sich hinauswächst und als Gaza in Palästina dem Erdboden gleichgemacht wird. Wie sie als Las Vegas ganz vom Anschein, als Auroville aus dem Ideal und als Atlantis vom Mythos lebt. Was sich am Ende vor unseren Augen zusammensetzt, ist das Porträt einer Stadt, die alle Städte in sich vereint. Einer Stadt, die hinter unsere Erinnerung zurückreicht und unserer Vorstellung vorausgreift. Einer Stadt, die der Zeit enthoben wirkt und doch in jedem Moment genau die Stadt ist, die wir Menschen uns geschaffen haben. Die Menschen sind es, die sie werden und vergehen lassen. Sie kommen und fliehen, bauen auf und zerstören, hoffen und verzweifeln, drängen in die Mitte und stehen am Rand, suchen Gemeinschaft und bleiben allein. Sie sind es, die sich eine Sehnsucht erfüllen wollen. Den Ort, den sie sich dafür erfunden haben, nennen sie Stadt.“

Die Fotografen

Sibylle Bergemann
Jörg Brüggemann
Espen Eichhöfer
Annette Hauschild
Harald Hauswald
Pepa Hristová
Andrej Krementschouk
Ute Mahler
Werner Mahler
Dawin Meckel
Thomas Meyer
Julian Röder
Frank Schinski
Jordis Antonia Schlösser
Anne Schönharting
Linn Schröder
Heinrich Völkel
Maurice Weiss

Die Städte

Ordos, Inner Mongolia, China
Dubai, United Arab Emirates
Moscow / Istanbul / London
Manila, the Philippines
Tokyo, Japan
Berlin, Germany
Shanghai, China
Las Vegas, USA
Detroit, USA
Florence / Liverpool / Reykjavik / Minsk
Pripyat / Chernobyl, Ukraine
Lagos, Nigeria
Auroville, India
Gaza City, Palestinian territories
Berlin, Germany
Ushuaia, Argentina
De Haan / Krakow / New York / Offenbach

Katalog

Katalog HATJE CANTZ 2010
DIE STADT. VOM WERDEN UND VERGEHEN
Hrsg. OSTKREUZ – Agentur der Fotografen,
Vorwort von Marcus Jauer, Protokolle von Marcus Jauer, Anne-Dore Krohn,
Nachwort von Felix Hoffmann
Deutsch, Englisch, 2010.
296 Seiten, 170 Abb., 130 farbig, 40 in Duplex
29,10 x 31,60 cm, gebunden, € 39,80
ISBN 978-3-7757-2659-7

Kuratoren

Felix Hoffmann and Ostkreuz