ArchivKunstfoyer

Magnum am Set. Von Chaplin bis Malkovich, von Alamo bis Zabriskie Point.

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Seit mehr als hundert Jahren gibt es eine intensive Beziehung zwischen dem Kino und der Photographie. Der Film braucht das Photo für seine Selbstdarstellung in der realen Welt. All seine Schönheit und Imagination, seine Kunst und Popularität sind nicht denkbar ohne reproduzierte Bilder in Zeitungen und Zeitschriften, in Magazinen und Büchern, in Schaukästen und an Kinofassaden. Er braucht das Szenenphoto, die Starpostkarte und das Plakat. Seine Existenz vermittelt sich nicht allein im Kino, sie ist angewiesen auf eine Außenwirkung, die vor allem von Photos initiiert wird.

Auch die legendäre Agentur Magnum übernahm Aufträge zur Set-Photographie. Ihre Photographen waren Pioniere des Photojournalismus. Weniger bekannt ist, dass sie auch dem zeitgenössischen Spielfilm gegenüber aufgeschlossen waren. Für Robert Capa war der Film und die Glamourgesellschaft Hollywoods ein willkommener Kontrast zu seinem bisherigen Arbeitsfeld und seinem Image als Kriegsphotograph, das ihm seit 1936 anhaftete. Nicht von ungefähr hatte sich der als Endre Friedman geborene Ungar sein Pseudonym in Anlehnung an den Filmregisseur Frank Capra zugelegt. Seine Freundschaft mit John Huston, dem er 1944 in Neapel zum ersten Mal begegnete und seine Affäre mit Ingrid Bergman (1945/46) lockten ihn nach Hollywood und eröffneten Magnum schon bald die Welt des Filmsets. Die Filmindustrie zahlte sehr gut für Bilder in Magnum-Qualität und -Ästhetik, Verträge bis zu 500 Dollar pro Tag waren verhandelbar.

Aufgrund ihrer Berühmtheit als Kriegsberichterstatter genossen Magnum-Reporter großes Ansehen. Sie waren den Lesern der internationalen Journale bekannt, insbesondere der beiden auflagenstarken amerikanischen Magazine Life und Look. Die Photographen von Magnum berichteten weiterhin über Krisengebiete in aller Welt, steuerten aber ebenso regelmäßig Photos über neue Filmproduktionen, Mode und andere Themen bei. Sie wurden wirkliche Allrounder.

Im Magnum-Archiv befinden sich mehr als 7000 Photographien von Filmsets und Starportraits seit dem Gründungsjahr der Agentur bis zu den 90er Jahren. Die Bandbreite dieses faszinierenden Fundus wurde 1994 erstmals in der Ausstellung Magnum Cinéma in Paris im Couvent des Cordeliers präsentiert und ein umfangreicher Katalog bei Cahiers du Cinéma (F), Phaidon (GB), Schirmer/Mosel (D) u.a. publiziert. Zu jedem der über 100 Filme, bei denen Magnum die Dreharbeiten begleitet hat, wurden damals bis zu drei Bilder exemplarisch ausgewählt. 2000 erschien die Publikation The Misfits, Nicht Gesellschaftsfähig, in dem Arthur Miller und Serge Toubiana die Entstehungsgeschichte des Films anhand der Bilder der Magnum Photographen dokumentieren. Magnum hatte einen Exklusivvertrag für Set-Aufnahmen bei diesem Film, in dem so berühmte Darsteller wie Marilyn Monroe, Clark Gable und Montgomery Clift spielten. Bei den Dreharbeiten entstanden 1960 die mit Abstand intensivsten Zeugnisse von Magnum am Set – Aufnahmen von insgesamt neun Magnum-Photographen. Sie waren Anlass für die zweite Ausstellung des Magnum-Archivs zum Thema Film und wurden 2005 im Rahmen der Ausstellung „Mythos Marilyn“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München gezeigt. Als 2007 im Keller des Institut Français Innsbruck die erste Ausstellung der Magnum-Photographen überhaupt aus dem Jahr 1955 wiedergefunden wurde, gab es auch hinsichtlich des Filmthemas eine besondere Entdeckung: die Set-Aufnahmen von Ernst Haas zu Howard Hawks’ Land of the Pharaohs. Angeregt durch diesen Fund wurde nun gezielt nach Set-Photographien im Magnum-Archiv gesucht.

Die Magnum-Photographen hatten vor allem in den 50er und 60er Jahren Aufträge an den Filmsets. Ab den 70ern wurden ihre Engagements seltener, die Verweildauer der Photographen kürzer. Mitunter kamen nur Portraitaufnahmen einzelner Stars zustande, oder es wurden nur noch festangestellte Set-Photographen zugelassen, die im Gegensatz zu Magnum ihre Rechte an die Filmkonzerne abtraten.

Die Ausstellung „Magnum am Set“ und der gleichnamige Katalog bei Schirmer/Mosel mit Texten von Hans Helmut Prinzler zeigen mit diesem Best-of zum ersten Mal ausführlich am Beispiel von zwölf Filmen, wie Magnum-Photographen der Filmwelt begegneten. Ein tiefer Einblick mit sehr persönlichen Bildern von einer Welt, deren Arbeitsweise der Photographie verwandt ist.

Die Filme

Limelight, 1952 / The Seven Year Itch, 1955 / Rebel without a Cause 1955 / Moby Dick, 1956 / Suddenly last Summer, 1959 / The Alamo, 1960 / The Misfits, 1961 / Der Prozess, 1962 / Planet of the Apes, 1968 / Zabriskie Point, 1970 / L´important c´est d´aimer, 1974 / Death of a Salesman, 1985

Die Stars

Charles Chaplin / Montgomery Clift / James Dean / Clark Gable / Katharine Hepburn / Charlton Heston / Dustin Hoffman / Buster Keaton / Klaus Kinski / John Malkovich / Marilyn Monroe / Gregory Peck / Anthony Perkins / Romy Schneider / Elizabeth Taylor / John Wayne / Orson Welles / Natalie Wood

Die Photographen

Eve Arnold / Cornell Capa / Henri Cartier-Bresson / Bruce Davidson / Elliott Erwitt / Jean Gaumy / Burt Glinn / Ernst Haas / Erich Hartmann / Erich Lessing / Inge Morath / W. Eugene Smith / Dennis Stock / Nicolas Tikhomiroff

Katalog

MAGNUM AM SET, VON CHAPLIN BIS MALKOVICH, VON ALAMO BIS ZABRISKIE POINT,
hrsg. von Isabel Siben und Andrea Holzherr,
mit Texten von Hans Helmut Prinzler, Verlag Schirmer/Mosel 2010

Kurator

Isabel Siben