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CLOSE ENOUGH
New Perspectives from 13 Women Photographers of Magnum.

  • Mara, Almeria, Spain, 2022 from the series "Agony in the Garden". © Lúa Ribeira/Magnum Photos
    Mara, Almeria, Spain, 2022 from the series "Agony in the Garden". © Lúa Ribeira/Magnum Photos
  • A plane flies low over students riding a train at a funfair over the weekend, Istanbul, Turkey, August 29, 2018. © Sabiha Çimen/Magnum Photos
    A plane flies low over students riding a train at a funfair over the weekend, Istanbul, Turkey, August 29, 2018. © Sabiha Çimen/Magnum Photos
  • From the serie
    From the serie "City of Brotherly Love". Philadelphia, Everyday After Work, West Philadelphia, Pennsylvania, USA, 2009. © Hannah Price/Magnum Photos
  • "For the Sake of Calmness" extract. In this film, Newsha Tavakolian focuses on the way the tediously repetitious transformation of her body-PMS-affects her perception. © Newsha Tavakolian/Magnum Photos
  • Diego, 28, chef and skater, single, Mexico City, Mexico, February 22, 2020. © Cristina de Middel/Magnum Photos
    Diego, 28, chef and skater, single, Mexico City, Mexico, February 22, 2020. © Cristina de Middel/Magnum Photos
  • Thea's double tooth, London, Great-Britain, 2022. © Olivia Arthur/Magnum Photos
    Thea's double tooth, London, Great-Britain, 2022. © Olivia Arthur/Magnum Photos
  • Carla at home, Beirut Lebanon, 2018. © Myriam Boulos/Magnum Photos
    Carla at home, Beirut Lebanon, 2018. © Myriam Boulos/Magnum Photos
  • A refuge in the Black Country. Dawn, Suite 7, United Kingdom, 2016. © Susan Meiselas/Magnum Photos
    A refuge in the Black Country. Dawn, Suite 7, United Kingdom, 2016. © Susan Meiselas/Magnum Photos
  • AI-Minya, Egypt, September 2013. © Bieke Depoorter/Magnum Photos
    AI-Minya, Egypt, September 2013. © Bieke Depoorter/Magnum Photos
  • A small ferry boat is the only connection to the village of Old Believers. The Old Believers turned against the reforms of the Patriarch Nikon, who reformed from 1652 texts and rites of Russian Orthodox worship. Therefore, many fled to the most remote areas of Russia. First from the Tsar, later from the Soviets. © Nanna Heitmann/Magnum Photos
    A small ferry boat is the only connection to the village of Old Believers. The Old Believers turned against the reforms of the Patriarch Nikon, who reformed from 1652 texts and rites of Russian Orthodox worship. Therefore, many fled to the most remote areas of Russia. First from the Tsar, later from the Soviets. © Nanna Heitmann/Magnum Photos
  • Adrienne and Zion, Water Valley, Mississippi, USA, 2019. From the project,
    Adrienne and Zion, Water Valley, Mississippi, USA, 2019. From the project, "Knit Club." © Carolyn Drake/Magnum Photos
  • The Necklace. Buenos Aires, Argentina, 1999. © Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos
    The Necklace. Buenos Aires, Argentina, 1999. © Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos
  • An offering for an altar, Maria Lionza cult. Sorte mountain, Yaracuy state, Venezuela, 2007. © Cristina García Rodero/Magnum Photos
    An offering for an altar, Maria Lionza cult. Sorte mountain, Yaracuy state, Venezuela, 2007. © Cristina García Rodero/Magnum Photos

"Wenn Deine Bilder nicht gut genug sind, bist Du nicht nah genug dran." - Robert Capa

Die Ausstellung

Close Enough untersucht die Positionen von dreizehn teils noch unbekannten, teils etablierten Magnum-Fotografinnen und die komplexen Beziehungen, die sie sowohl im globalen Zusammenhang, als auch in ihren örtlichen Gemeinschaften und in ihren Interaktionen mit einzelnen Personen herstellen. Jede der Teilnehmerinnen erzählt sehr offen von ihrer kreativen Reise, die von Reflexionen über langfristige, persönliche Projekte bis hin zu laufenden Arbeiten und neuen Wendepunkten in ihrer Bildgestaltung reichen. Sie erlauben äußerst persönliche Einblicke in ihre Grundhaltungen und schaffen in dieser Ausstellung eine Konstellation unterschiedlicher fotografischer Sichtweisen.

Vor dem Hintergrund des 75. Jahrestages der Gründung der Agentur Magnum (1947) konzentriert sich Close Enough auf Fotografinnen, deren unterschiedliche Standpunkte derzeit die fotografischen Perspektiven innerhalb von Magnum prägen. Gemeinsam verschieben und hinterfragen sie die Grenzen des Fotokollektivs. Sie vertiefen Magnums Verankerung in der fotografischen Suche, wobei sie menschlicher Erfahrung und dem Überleben unserer Spezies Rechnung tragen. Auf einzigartige Weise erlauben uns die teilnehmenden Fotografinnen, zu erkennen, wie sie sich Zugang verschaffen, wohin sie sich orientieren und wie sie eine tiefere Beziehung zu ihren Themen und ihren Erfahrungen aufbauen. Die Herausforderung an Fotografen, die der Mitbegründer von Magnum, Robert Capa, formulierte, lautete: "nah genug" heranzukommen. Mit Entschlossenheit, Dringlichkeit und Einfallsreichtum legt jede der hier vertretenen Fotografinnen Rechenschaft über ihre Praxis ab und lädt uns ein, tatsächlich nah genug heranzukommen.

Charlotte Cotton, Kuratorin der Eröffnungsausstellung Close Enough am International Center of Photography, New York, 2022

Die Fotografinnen

Alessandra Sanguinetti
Myriam Boulos
Sabiha Çimen
Olivia Arthur
Nanna Heitmann
Lúa Ribeira
Carolyn Drake
Bieke Depoorter
Hannah Price
Cristina García Rodero
Cristina de Middel
Newsha Tavakolian
Susan Meiselas

Die Sichtweisen
Cristina de Middel

Vor Jahrzehnten soll einer der Gründer von Magnum einen einzigen Satz geäußert haben, um den Qualitätsmaßstab eines Fotos, sowie seinen dokumentarischen Wert festzulegen. Der Geschichtsüberlieferung und ihrer Bedeutung für künftige Generationen zuliebe wird das Zitat Robert Capa zugeschrieben: "Wenn deine Aufnahmen nicht gut genug sind, dann bist du einfach nicht nah genug dran."

Die frühe Kriegsfotografie konzentrierte sich häufig auf Landschaften, Stadtansichten und die Nachwirkungen von Schlachten, weniger auf die unmittelbaren und persönlichen Erfahrungen von Individuen. Fotografen hielten Szenen der Zerstörung fest, setzten Soldaten in statischen Positionen in Szene und inszenierten Gruppenbilder. Technische Einschränkungen, einschließlich der langen Belichtungszeiten, machten das Festhalten von Aktion und Bewegung zu einer Herausforderung. Die Ergebnisse waren von den unverstellten, unmittelbaren Szenen, für die Capa berühmt wurde, noch weit entfernt. Capa und Gerda Taro, die Erfinderin seines Pseudonyms, begründeten seine Legende und schufen in der Öffentlichkeit das Klischee des mutigen und engagierten Reporters, das bis heute gültig ist - die Wahrheit einzufangen als Lebenseinstellung, koste es, was es wolle.

Die Fotografie - als vages, undefiniertes und fast noch junges Gewerbe - kämpfte von Anfang an um ihr Image, ob sie eher als Handwerk oder als Kunst zu bezeichnen sei. Solch lapidare Sätze wie der oben zitierte waren und sind durchaus willkommen. Wie sollte man sonst wissen, ob die Bilder, die man machte, gut waren, in Zeiten, in denen es keinerlei soziale Medien gab, um die Qualität mit Likes zu messen? Wer oder was galt als gut oder schlecht, wenn es weder eine “Fotopolizei”, noch Zehn Gebote, oder definitive Manifeste gab, um die Parameter festzulegen?

Viele Jahre vergingen und die Fotografie musste sich ein halbes Dutzend Mal neu erfinden, aber sowohl Capa als auch seine Aussage blieben relevant, sie erreichten sogar gleichsam mythischen Status. Mythen können psychologischen Trost und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. In der sich ständig wandelnden Fotobranche bieten Mythen Erzählweisen, die Fotografen und Fotografinnen helfen, mit ihren Unsicherheiten und Ängsten fertig zu werden; der Glaube an ein höheres Pflichtgefühl oder an ein Schicksal kann solchen Trost spenden und uns eine gewisse Kontrolle gegenüber dem Chaos ermöglichen. Im Grunde geben Mythen den Fotografen und Fotografinnen eine Richtung vor, aber auch sie müssen aktualisiert und neu interpretiert werden. Sowohl die Fotobranche, als auch die Gesellschaft scheinen dies endlich erkannt zu haben.

Bis vor kurzem wurde uns die Welt nur aus einem Blickwinkel erklärt, dem des weißen westlichen Mannes. Jahrzehntelang unterlagen die Geschichten, die wir konsumierten, bestimmten Parametern und Prioritäten, die inzwischen bei einem größeren und vielschichtigen Publikum keine Resonanz mehr finden. Vor diesem Paradigmenwechsel wurde der Mythos des "close enough", des “nah genug” bis zum Äußersten getrieben, und hyperrealistische Bilder, die mit Lichtgeschwindigkeit abliefen, wurden ohne Ende vor unsere Netzhäute geschleudert. Kriege und Konflikte wurden uns aus Gründen der Glaubwürdigkeit so gnadenlos direkt wie nur möglich vor Augen geführt, und jede Abweichung von diesem Ansatz wurde als Entweihung des heiligen Tempels der dokumentarischen Berichterstattung eingestuft. Die Medienplattformen lieferten immer unmittelbarere und brutalere Inhalte für ein begieriges Publikum, das nicht mehr in der Lage war, die Informationen zu verarbeiten, geschweige denn angemessen auf sie zu reagieren. Überwältigt und wie gelähmt hat das Publikum einfach aufgegeben und sich mehr und mehr distanziert.

Ich glaube es ist kein Zufall, dass sowohl der Verlust an Glaubwürdigkeit, mit dem die Medien derzeit konfrontiert sind, als auch die Zunahme von Stimmen, die lange Zeit entrechtet und an den Rand gedrängt waren, zu gleicher Zeit stattfinden. Wobei ich Frauen in diesem Zusammenhang als die größte existierende Gruppe der Entrechteten betrachte! Abgesehen davon, dass ethnische, geographische und soziale Klassen, die von der "alten Norm" abweichen, nun eine ihnen angemessene Plattform erhalten und sich die verfügbaren Perspektiven erweitern, stellt sich für mich eine weitere Frage. Gibt es so etwas wie einen "weiblichen Blick"? Kann man sagen, die Art und Weise, wie Frauen, gleich welcher Herkunft und welchen Backgrounds, die Welt wahrnehmen und sie erklären, habe etwas spezifisch Eigenes an sich? Und vor allem: Ist es möglich, diese Behauptung aufzustellen, ohne in die guten alten Stereotypen zu verfallen, die Frauen nur als sanft, großzügig, fürsorglich und einfühlsam definieren?

Als die Idee zu dieser Ausstellung entstand, war dies eine der ersten Fragen, die aufgeworfen wurde und unbeantwortet blieb, weil dies letztlich die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung und die Leser und Leserinnen des Katalogs entscheiden sollen. Wir durften doch unsere Version der Geschichte nicht anderen aufzwingen, so wie man uns früher Sichtweisen aufgezwungen hat.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Fotografinnen, die in der Ausstellung und im Katalog vertreten sind, nicht immer einer Meinung sind, manchmal sogar diametral entgegengesetzte Auffassungen zu bestimmten Realitäten vertreten. Jede von uns glaubt an etwas Anderes und verwendet in der Praxis ihre ganz eigenen Mittel. Auch die Motivationen könnten unterschiedlicher nicht sein. Das Werk, das unmittelbar neben einem anderen hängt, stellt jenes neben ihm mitunter radikal in Frage. Es gibt keine Einheit in diesem Chor, und nicht einmal eine Verschwisterung in der Arbeit und im Anspruch. Aber ist das ein Problem? Eine Oper, in der nur Sopranistinnen auftreten? Eklektizismus bedeutet in dieser neuen Welt nicht Konflikt. Vielleicht wird durch das Fehlen von Konkurrenz alles ein wenig sanfter und überschaubarer. Wer weiß?

Ähnlich wie in einer Gebirgskette, sind die Magnum-Frauen nebeneinander hochragende Gipfel, jede mit ihrem Namen, mit ihrer Geschichte, mit ihrer Stimme. Vielleicht ist das der rote Faden, der alle Arbeiten in Close Enough verknüpft: Dass keine von uns jemals einen Satz aussprechen würde, der ewige Gültigkeit beansprucht. Wir alle würden lieber immer wieder Fragen stellen, sowohl an unser Publikum wie an uns selbst.

In Close Enough werden allgemeingültige Fragen zur Körperlichkeit, zu Krieg, Gewalt, Sexualität, Religion, Rassismus, Zugehörigkeit und das Altern in selbstbewusster Großzügigkeit, als auch kompromissloser Bescheidenheit thematisiert.

Close Enough verwandelt den alten "Highway to Truth" in ein Netz von Staubstraßen, die uns zu einer reicheren und komplexeren Version der Realität führen. Die Reise selbst wird dadurch vielleicht länger und anspruchsvoller, aber die Sichtweisen sind...