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Saul Leiter. Retrospektive.

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Saul Leiter, Taxi, ca. 1957, © The Saul Leiter Foundation
Saul Leiter, Taxi, ca. 1957, © The Saul Leiter Foundation

Saul Leiter (1923–2013) erfährt erst seit wenigen Jahren die verdiente Würdigung als einer der führenden Pioniere der Farbfotografie. Das mag daran liegen, dass Leiter sich selbst lange in erster Linie als Maler verstand. 1946 nach New York gekommen, stellte er gemeinsam mit den Abstrakten Expressionisten (u.a. Willem de Kooning) aus. In den späten 1940er Jahren begann er, neben der Malerei, schwarz-weiß zu fotografieren. Wie Robert Frank oder Helen Levitt fand er seine Motive auf den Straßen New Yorks, war dabei aber sichtbar an Abstraktion interessiert. Edward Steichen war einer der Ersten, der Leiters Fotografien entdeckte und sie in den 1950er-Jahren in zwei wichtigen Fotoausstellungen und in seinem Diavortrag Experimental Photography in Color im New Yorker MoMA zeigte. Farbfotografie galt damals noch als Gebrauchskunst, deren Platz in der Werbung war.

In seinen Aufnahmen fließen die Genres der Street-, Life-, Porträt-, Still-Life-, Mode- und Architekturfotografie zusammen. Er fand seine Motive wie Schaufenster, Passanten, Autos, Schilder und immer wieder Regenschirme in der unmittelbaren Umgebung seiner New Yorker Wohnung im East Village, die er fast 60 Jahre lang bewohnte. Saul Leiters Ansatz ist weder auf spektakuläre Momente des Alltags noch auf spannungsgeladene soziale Konflikte ausgerichtet, sondern auf scheinbar belanglose und flüchtige Eindrücke des urbanen Lebens, die er in seinen Aufnahmen atmosphärisch verdichtet. Das Experimentieren mit Farbfilmen gab ihm die Möglichkeit, den fotografischen Augenblick in die Nähe der Malerei zu übertragen. Die Unschärfe im Detail, die Verwischung von Bewegung und die Minderung der Tiefenschärfe, den Ausgleich oder gewollten Entzug von notwendigem Licht und die Verfremdung durch Fensterdurchsichten und Spiegelungen - dies alles verschmilzt zur Farbsprache eines halb realen, halb abstrahierten urbanen Raums.

Saul Leiters Farbfotografie lebt von den farbigen und kompositorischen Ausdrucksmitteln, mit denen er an die Tradition und visuelle Sprache der abstrakten „New York School“ anknüpft, etwa in Anleihen bei Mark Rothkos Farbfeldmalerei oder Franz Klines kraftvollen Bildkompositionen. Sowohl in seiner Malerei als auch in seinen Fotografien tendiert er deutlich zu Abstraktion und Flächigkeit. Oft findet man große, tiefschwarze, von Schatten hervorgerufene Flächen, die bis zu drei Viertel seiner Fotografien einnehmen. Passanten werden nicht als Individuen in das Bild aufgenommen, sondern als verschwommene Farbimpulse, überlagert von Scheiben oder zwischen Hauswänden und Verkehrszeichen. Die Übergänge zwischen Abstraktion und Figurativem in seinen Malereien und Fotografien sind beinahe nahtlos. Saul Leiters Straßenfotografie ist eigentlich „Fotografie gewordene Malerei“, wie Rolf Nobel im begleitenden Buch schreibt.

Erst Anfang der 1990er Jahre integrierte Jane Livingston Saul Leiter in ihrem Buch „The New York School: Photographs 1936 – 1963“ und machte den Galeristen Howard Greenberg auf ihn aufmerksam. Es folgten Ausstellungen in Greenbergs Galerie in New York und mit dem Erscheinen der ersten Monografie „Early Color“ wird die internationale Fotoszene auf den Künstler Saul Leiter aufmerksam. Heute gelten seine Werke aus den 1940er und 1950er Jahren als Ikonen der modernen Farbfotografie. Erst 1997 und 2005 widmeten sich Ausstellungen der Howard Greenberg Gallery in New York der unvergleichlichen Schönheit seiner Farbaufnahmen und es begann die rasante Wieder- und Neuentdeckung seines Werkes.

Das Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung würdigt den Künstler in einer umfangreichen Retrospektive. Die Ausstellung umfasst mehr als 300 Arbeiten und vereint in einem großen Spannungsbogen frühe Schwarzweiß und Farbaufnahmen, Modefotografien, übermalte Aktfotos, und gibt Einblicke in die Skizzenbücher. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg. Für die Bereitstellung der Exponate sind wir der Howard Greenberg Gallery zu großem Dank verpflichtet. Unser besonderer Dank gilt Margit Erb von der Saul Leiter Foundation, die mit großem Engagement und Vertrauen die Ausstellung unterstützt hat.