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O. Winston Link. Retrospektive.

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Old Maud bows to the Virginia Creeper, Green Cove, Virginia 1956, © O. Winston Link, Image Courtesy of the O. Winston Link Museum
Old Maud bows to the Virginia Creeper, Green Cove, Virginia 1956, © O. Winston Link, Image Courtesy of the O. Winston Link Museum

Retrospektive der fantastischen Nachtaufnahmen und early colors des amerikanischen Fotografen O. Winston Link. Amerikas letzte Dampfzüge der Norfolk & Western Railway in Aktion in den 1950er Jahren. Mit 120 hochwertigen Fotografien, sound recordings, Arbeitsskizzen und „making of“ ein weiteres Highlight für alle Fans der Fotografie und Eisenbahn!

Ein Autokino, eine Geisterstadt, drei junge Ladies im Badeanzug, Kinder beim Angeln - und immer mit im Bild: die Dampfloks der Norfolk & Western Railway oder auch nur ihre weiße Wolke. Das Stampfen der Maschine, das Pfeifen und Läuten, wenn die Stahlrosse durch die Ortschaft fahren, liefert die Phantasie gleich mit.

Ogle Winston Link (1914-2001), Bauingenieur und PR-Fotograf aus NY City hat diese Szenen und Momente zwischen 1955 und 1960 in Virginia und den angrenzenden Staaten mit seiner Kamera eingefangen. Mit konventioneller Eisenbahnfotografie hat das nichts gemein. Winston Link bewahrt uns ein facettenreiches Stimmungsbild des ländlichen Amerika in einer Art „Zeitkapsel“, bevor sich dort vieles für immer geändert hat. Sein einziges auftragsfreies und deshalb auch selbst finanziertes fotografisches Projekt sollte die ganze Aktivität der Norfolk & Western Railway (N & W) dokumentieren. Die N&W war die letzte der großen Bahngesellschaften in den USA, die immer noch erfolgreich mit ihren eigenen Lokwerken und Kohleminen auf die Dampflok setzte, während alle anderen bereits „verdieselt“ waren. Und auch für Virginia endete dann 1960 das Zeitalter der „Dampfrösser“.

Im Wettlauf gegen die Zeit begann Winston Link sein Projekt im Jahr 1955. Er nahm Kontakt auf mit der Werbeabteilung der Bahnlinie und bat um Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Orten für die Aufnahmen und für die Erlaubnis, das Bahngelände überall betreten zu dürfen. Ergebnis dieser aufwendigen und teuren fotografischen Leidenschaft, die er innerhalb des rund 4000 Kilometer umfassenden Streckennetzes ausleben konnte, sind 2200 faszinierende Aufnahmen. O. Winston Link reizte das ganze Spektrum der Fotografie aus. Sein motivisches Interesse galt nicht nur den Dampfloks, sondern ebenso den Bahnmitarbeitern („Faces of N&W“), der Bevölkerung, der Architektur und den Landschaften. Die Bandbreite dieses Projekts ist beeindruckend. Obwohl es im Zeitraum von gerade einmal fünf Jahren entstanden ist, bietet es genügend Stoff, um retrospektiv als ein fotografisches Gesamtkunstwerk bewertet zu werden. Erst recht, wenn man auch seine sound-recordings, die er auf sechs LP´s veröffentlicht hat und seine Filmaufnahmen von den Loks in Bewegung dazuzählt.

Manche Szenerien wirken wie gemalt. In Ausdruck und Stil finden sich - neben dem dokumentarischen Ansatz - Erinnerungen an holländische Genreszenen des 16.- und 17. Jahrhunderts ebenso wie Anklänge an den sachlich kühlen Blick eines Charles Sheeler oder Edward Hopper. In seinen durchkomponierten Inszenierungen nimmt er sogar Jeff Wall vorweg. Zum berühmtesten Fotografen der amerikanischen Gesellschaft, Robert Frank, bildet er allerdings eine Antithese, denn die Menschen in Winston Links Bildwelten sind keine entfremdeten Großstädter, sie sind vielmehr seine Mitstreiter bei der Erzählung eines positiven Lebensgefühls - und das zeigen sie voller Stolz. Die Bahngesellschaft und ihre Infrastruktur war wie eine Lebensader und ihre Loks wie deren Pulsschlag. Die tägliche Ankunft der Züge bestimmte wie eine Uhr den rhythmischen Ablauf des Alltags. Die Besuche des New Yorker Fotografen waren eine willkommene Abwechslung, denn auf den Dörfern war nicht allzu viel los. Aber er muss schon sehr überzeugend gewesen sein, als er zum Beispiel drei junge Ladies dazu brachte, nachts im Badeanzug im Schwimmbad an der Bahnlinie zu posieren oder als er ein junges Pärchen überredete, sich in seinem Cabrio fotografieren zu lassen, um das nächtliche Autokino so romantisch wirken zu lassen.

Nachts kann ich die Bilder machen, die ich möchte und ich kann das ausleuchten, was ich als wichtig erachte.

Eine besondere Faszination geht von den Aufnahmen aus, die in stockfinsterer Nacht entstanden sind, an entlegenen oder nahezu zivilisationsfernen Orten. Es sind außergewöhnliche Werke, die auch außergewöhnliche Vorbereitung und Logistik erforderten. Jedes Foto war eine Herausforderung, für die er einen eigenen Lichtplan anfertigte mit Texten und Skizzen, mit Berechnungen über Stärke, Reichweite und Position der Lichtreflektoren und Kameras. O. Winston Link führte Regie mit Blitzlicht, er modellierte damit ganze Szenen, gestaltete räumlich, sodass man das Gefühl hat, eine Filmszene vor Augen zu haben. Zugleich bestand seine Kunst im Weglassen von Details, die seine Bildvision störten - indem er sie nicht beleuchtete, sondern in der Schwärze der Nacht verschwinden lies.

Die große nächtliche Inszenierung, die O. Winston Link im Sinn hatte, war ein besonders aufwändiges Unterfangen. Er hätte ein großes Team vergleichbar einem Filmset zur Realisierung seiner „Outdoor-Dramaturgie“ einsetzen können. Trotz fehlender Infrastruktur - z.B. gab es kein adäquates Stromnetz in der Reichweite seiner Motive - wusste er sich sehr gut zu helfen. Dabei kam ihm seine Erfahrung aus den Kriegsjahren zugute, als er in der Abteilung des „War Research“ der Columbia University Experimente und Testversuche bei Nachtaufnahmen mit Mehrfachbelichtung per Funksteuerung unternommen hatte. Für sein N&W Projekt benötigte er viele Blitzlichtlampen, Reflektoren aus Aluminium, Stative, Filmmaterial in Schwarzweiß und in Farbe, kilometerlange Kabel, Aggregate, mehrere 4x5 Graphlex Kameras mit verschiedenen Objektiven. Mit seiner selbst gebauten Synchron-Anlage ließen sich gleichzeitig Hoch und Querformat, Nahsicht und Weitwinkelaufnahmen, Szenen in Schwarzweiß fotografieren. Seltener setzte er Farbfilm ein. O. Winston Link gelangen spektakuläre Nachtaufnahmen mit einem klaren visuellen Konzept und sehr besonderen Effekten. Alles hatte er präzise zuvor berechnet und geplant. Und dann galt es auf den entscheidenden Moment zu warten. Es gab immer nur einen Versuch, danach waren die Blitzlichtlampen unbrauchbar. Seine Vorgehensweise kann mit Henri Cartier Bresson´s Arbeit am decisive moment verglichen werden, wenngleich jener mit der Kleinbildkamera tagsüber auf der Lauer lag, O. Winston Link aber mit 4x5 Kameras zumeist nachts arbeitete. Bei ihm stehen Bildaufbau und Komposition bereits fest, die Kameras sind Stunden zuvor in Position gebracht, das Bildpersonal ist vor Ort und alles wartet auf die Ankunft der Dampflok. Das Risiko des Nichtgelingens schwingt immer mit und die Spannung des entscheidenden Augenblicks, wenn der Finger auf dem Auslöser liegt. In einem seiner Notizbücher schreibt er über die Aufnahme des Autokinos in Iaeger:

Da ich in der totalen Dunkelheit nur den Scheinwerfer der Lokomotive erkennen konnte, wusste ich erst, nachdem das Blitzlicht ausgelöst war, dass ich das große Los gezogen hatte. Die Class-A-Lok mit ihren schönen Rauchschwaden, und alles genau in Reih und Glied!

Mit der Ausstellung und dem begleitenden Buch-Portfolio, möchten wir erreichen, dass O. Winston Link endlich auch in Europa die Bekanntheit erlangt, die er verdient hat. In den 120 großformatigen Fotografien der Ausstellung und nochmals verdichtet, in den hundert im Duplexverfahren gedruckten Abbildungen im Portfolio kommt sein Werk bestens zur Geltung. Unser besonderer Dank gilt Mr. Conway Winston Link, dem Sohn des Künstlers und der Sammlungskuratorin Ashley Webb für ihre großzügige Unterstützung und ihr Vertrauen in unser Münchner Ausstellungshaus, das Kunstfoyer.